Der BIOMARKT aus Ihrer Region
Georgs Kolumne

Visionen und Alltag

Ökowein ist auf der Erfolgsspur. Wir gönnen uns immer öfter ein Gläschen. Allerdings sind die Mühen der Ebene, wenn man sich in den Arbeitsalltag der Winzer und Händler hineinversetzt nicht, gerade leicht.

Im Kaiserstuhl, einer der bekanntesten Weinregionen in Deutschland, hat sich in diesen Tagen ein kleines mediales Gewitter entzündet. Es geht um die Rückkehr der Reblaus. Im realen Leben ist die Reblaus nur noch eine Zunft, die im Rahmen der gerade vergangenen närrischen Tage agiert. Für Winzer ist sie aber ein Schreckgespenst. Sie hat noch vor hundert Jahren ganze Winzergenerationen um ihre Einkünfte gebracht. Und nun das: Wegen der mangelnden Pflege der Böschungen hätten sich nicht nur standortfremde Gehölze ausgebreitet, auch die Wildrebe, die aus Wurzelresten der Flurbereinigung in den 1960er Jahren wieder ausgetrieben sei, überwuchere mit wildem Gestrüpp ganze Hänge. Darin fühle sich die Reblaus wohl und vermehre sich dramatisch. Die Winzer fürchten, der Schädling könne auf die Ertragsreben übersiedeln und zu einer Epidemie werden. Die einfache Antwort nach diesem Befund, ist die lautstarke Forderung nach massivem Herbizideinsatz.


Was zeigt uns diese Aufregung? Die alten Mechanismen und alten Denkwelten sind immer noch sehr präsent. Der Kaiserstuhl wurde in den 60er Jahren zur agroindustriellen Mondlandschaft umgemodelt. Noch heute reihen sich viele Reben wie Soldaten im Spalier auf ausdrucksloser Erde.

Es gibt Visionen, die anders aussehen. In meinen Träumen surren Grillen an den Weinstöcken, fliegen Schmetterlinge und springen Heuschrecken durch Gräser und Blumen. Und es duftet nach Oregano, Thymian, Wermut und Minze. Das Schlagwort von der Biodiversität und den Mischkulturen wird mit Leben gefüllt. Und Schädlinge bekommen es mit natürlichen Feinden zu tun. Leider gibt es solche Träume bislang nur selten in der Realität: beispielsweise auf den Versuchsfeldern des Instituts für Ökologie und Klimafarming des Bioweinvertreibers Delinat und auch bei einigen Biowinzern.

Die Mühen der alltäglichen Ebenen lassen die beiden polaren Bilder schnell verblassen. In der Praxis sind zunächst kleine Schritte angesagt. Um die Quälgeister wie Mehltau in den Griff zu bekommen, werden zunehmend Rebenneuzüchtungen mit erhöhten natürlichen Resistenzen wie Regent, Phoenix oder Saphira angepflanzt. Als Alternativen zum klassischen Giftspritzen bieten sich Pflanzenstärkungsmitteln wie Gesteinsmehle und Silikate an. Auch Pflanzenschutzmittel wie Netzschwefel und Kupferpräparate sind im Ökoweinbau im Einsatz. Das Stichwort Kupfer führt aber bei Diskussionen immer zu heißen Köpfen, da sich Kupfer im Boden anreichern und nicht abgebaut wird. Hier streitet man sich um die Menge (Einsatz pro Hektar). Bei Schwefel habe ich immer Kopfwehassoziationen. Auf einen Nenner kann man sich aber einigen: Man will von der Forschung endlich Alternativen sehen.